Das alte Problem mit der Tinte
von Horst Schiffler 
Seit dem Mittelalter gehört die Tinte zum Betrieb der Schule
Heute ist es kaum noch vorstellbar, daß Tinte für Schüler und Lehrer einmal eine problematische Flüssigkeit gewesen sein soll. Doch wenn man bedenkt, daß es eine Zeit gab ohne Tintenkiller oder wirksame Waschmittel, um Kleckse und Flecken zu entfernen, daß sich die Leute nach irgendwelchen Rezepten ihre Tinte selbst mixen mußten, daß das, was dabei herauskam oft aggressiv oder giftig war, gewinnt man eine Ahnung davon, daß der Umgang mit der Schreibflüssigkeit früher nicht harmlos gewesen ist.

Noch vor hundert Jahren, als in Deutschland Kaiser Wilhelm II. regierte, wurde der Tinte im schulischen Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit zuteil: 


Inserat Duve`s Schultinten

Das Inserat zu Duve`s Schultinten zeigt, was eine gute Tinte zu bieten hatte: Die Pulverform bot ein geringes Transportgewicht und ermöglichte eine problemlose Lagerung, Wasser als Lösungsmittel war jederzeit verfügbar und billig; der Hinweis auf die übrigen guten Eigenschaften läßt vermuten, daß diese nicht bei allen Tinten anzutreffen waren.
 


Inserat Füllflasche

In der Schule der Kaiserzeit standen Schreibübungen fast täglich auf dem Stundenplan der Volksschulen. Der Tintenverbrauch war erheblich; ständig mußten die kleinen Porzellangefäße, die zu jeder Schulbank gehörten, aufgefüllt werden. Damit dies möglichst ohne Vergießen erfolgte, gab es spezielle Ausgießer für die Tintenflaschen oder man leistete sich "Hartmanns Füllflasche". Für manche Schüler boten die Tintengefäße immer wieder eine Herausforderung zum Experiment: Ein paar Bröckchen Schulkreide hinein - hervor quoll blauer Schaum, beim Nachsitzen einem unbeliebten Mitschüler ganz klein gerissene Löschblattschnipsel in die Tinte - bei der nächsten Schreibübung blieb garantiert ein Fussel an seiner Federspitze, der einen Klecks verursachte.

In Preußen hatte Ordnung zu herrschen. Deshalb wurden schon 1888 in einem Erlaß grundsätzliche Regelungen für die gewerbsmäßige Tintenherstellung verordnet. 1912 wurde eine amtliche Tintenprüfung mit genauen Richtlinien eingeführt. Diese beginnen: "Die Tinten werden eingeteilt in Urkundentinten (früher Klasse I) und Schreibtinten. Bei letzteren werden unterschieden a) Eisengallusschreibtinten, b) Blauholz- und Farbstoffschreibtinten ..." Eine zu prüfende Eigenschaft lautete: "Die Tinten sollen mindestens vierzehntägige Haltbarkeit im Glase besitzen, d.h. sie sollen nach dieser Zeit weder Blätterbildung noch Wandbeschlag, noch Bodenbelag zeigen."

Um die stählerne Schreibfeder vor Rost zu schützen, gehörte ein Tintenläppchen in jeden Griffelkasten; nach dem Schreiben sollte damit restliche Tinte von der Feder geputzt werden.

Eine neue Tintenzeit brach in der Schule erst an, als später zunehmend Füllfederhalter bei Schülern in Gebrauch kamen. Nachdem ab den sechziger Jahren die alten Schulbänke mit schräger Schreibplatte durch Schultische mit Stühlen ersetzt wurden, hatten auch die eingelassenen Tintengefäße aus Porzellan endgültig ausgedient.

Mit der deutlichen Verbesserung des Schreibgeräts war nicht zwangsläufig eine Verbesserung der Schülerhandschrift verbunden... 


Tintenrezept
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